"Wie hast Du eigentlich gemerkt, dass Du schwul bist ?"
Die Anzahl der Fragen, welche in dieser Form im Laufe eines Lebens des schwulen Menschens demselben gestellt werden versucht er im Gleichgewicht mir jener einer gewissen Genervtheit ins Gleichgewicht zu bringen. Entgegen aller psychologischen Gesetze schafft er es auch.
Man könnte der fragenden Person fauchend antworten, was diese schwachsinnige Frage eigentlich soll.
Nun, da ich es für meinen Teil vorziehe, Menschen so zu erziehen dass sie durch Fühlen lernen sollen anstatt sie zu moralisieren, beantworte ich die Frage immer mit der Gegenfrage : "Wie hast Du eigentlich gemerkt, dass Du hetero bist ?" - und geniesse mit einem verschmitzten Grinsen das darauffolgende verdutzte Schweigen des Gegenübers.
Ein warmer Sommerabend 2010 in Ludwigsburg, irgendwo in einem Straßencafé, dessen Name mir entfallen ist. Die Luft ist so schwül wie schwul.
Ich sehe an diesem Abend Armin wieder. Nach 27 Jahren. Er begrüßt mich mit den Worten, dass er mich sofort wieder erkannt hätte. Das kann ich nicht von ihm behaupten, mein Anstand verbietet mir aber, ihn zu kränken.
Der entscheidende Unterschied liegt wohl in seinem Vollbart, den er noch nicht hatte, als ich ihn zuletzt gesehen hatte. Er war 13 damals, wie ich auch.
Das Internet ist eine schöne Errungenschaft der Menschen. An einem unspektakulären Abend erreichte mich seine mail. Er hatte mich im Internet gefunden. Und er hatte mich lange gesucht. Auch ich habe ihn gesucht, aber aufgrund seines Familiennamnes, welcher wohl hunderttausendfach in Deutschland existiert, nicht genau identifizieren können.
Also haben wir uns gegenseitig all die Jahre gesucht und er hatte mich nun gefunden.
Es folgte ein mail Austausch, welcher sich über Stunden und Tage hinwegzog. Und nun standen wir uns gegenüber. Beide 27 Jahre älter, beide zur selben Schule gegangen, Nebensitzer und beste Freunde gewesen, beide denselben Musikgeschmack. Gab es noch etwas, was uns verband ? Ja. Beide schwul.
Als sich unsere Wege trennten, wusste er das bereits von sich. Ich war noch nicht so weit.
Armin und ich waren Gegensätze, die sich anzogen. Fast schon traurig und etwas leise sagt er an diesem Abend zu mir : "Weisst Du, ich habe Dich um Deine Art immer in Wirklichkeit beneidet. Dieses rebellische an Dir. Deine Unangepasstheit und so."
Armin war damals ein Yuppie. Die Haare akkurat zum Topfschnitt gestylt, die Klamotten von Lacoste, den Pulli über das Polo-Hemd lässig drüber geworfen. Typ FDP-Wähler.
Und er hatte seine feste Vorstellung davon, wie andere Jugendliche zu sein haben und bestimmte, wer "trendy" und wer "out" war.
Armin gesteht mir, dass er als Kind heimlich mit Puppen spielte. Ich spielte jeden Tag Fußball, wie die meisten anderen Jungs auch.
Sicher ganz und gar nicht der Typ, der mein bester Freund sein könnte. Verschiedener konnten wir eigentlich gar nicht sein, damals im zarten Alter von 12, 13. Warum waren wir dennoch dicke Freunde ? Waren jeden Tag irgendwie zusammen ? Was verband uns ?
Es beruhte ja schließlich auf Gegenseitigkeit. Unsere Wege trennten sich im Streit nach zwei Jahren. irgendwann war er nur noch eines von vielen Gesichtern auf dem Schulhof des Friedrich-Schiller-Gymnasiums in Marbach am Neckar. Und dennoch mussten wir all die Jahrzehnte an den anderen denken und haben uns nie vergessen.
Der 4. Dezember 1982 muss ein Samstag gewesen sein. Armin und ich hatten unseren Flohmarktstand in der Fußgängerzone in Marbach aufgestellt. Unter den Lasten des Schnees klatschte plötzlich eine kleine Lawine in seinen Nacken. Er quietschte auf und ich eite zu ihm und schippte den kalten Schnee aus seinem Hals, seinem Genick, Seinen Schulterblättern, seiner Haut. Dieses merkwürdige Gefühl, welches mich ohne jegliche Prodromalsymptome plötzlich befiel, habe ich bis heute nicht vergessen. Es war in meinem Bauch. Und in meinem Herzen. Und es war neu und verwirrte mich sehr.
Im Februar 1983 ging ich zu Armin nach der Faschingsparty unserer 6. Klasse nach Hause. ich habe ihm Essen und Trinken mitgebracht, er war zu Hause krank und hatte sich sehr darüber gefreut. Er lächelte mich so komisch an. Und da kam dieses Gefühl wieder und mein Herz pochte. Verlegen streichelte ich Vasko, seinen Hund.
Irgendwie waren wir uns an diesem Abend besonders nah. Eine seltsame, aber auch geborgene Stimmung lag in der Luft.
Der folgende Tag änderte alles. Armin wurde widerspenstig. Er begann mich vor anderen zunehmend bloßzustellen und wurde immer kühler zu mir. Ich wusste nicht wieso.
Es kam zu Konflikten zwischen uns. Er ließ bald keine Gelegenheit mehr aus, um mich zu kränken. Ich wusste nicht warum. Und komischerweise fragte ich ihn auch erst gar nicht nach den Gründen für sein Verhalten, wohl in dem Glauben, dass ich sowieso keine ehrliche Antwort erhalten hätte.
Mit dem neuen Schuljahr wurden die Klassen geteilt in Lateiner und Franzosen. Wir gingen nun in unterschiedliche Klassen und uns aus dem Weg.
So im September 1984 folgte meine Erkenntnis, dass ich wohl schwul sein muss. ich war 14.
Du bemerkst schon als kleines Kind Deine Andersartigkeit gegenüber den anderen. Du spürst genau, dass etwas an Dir anders ist. Sogar schon im Kindergarten. Und jeder Schwule, mit dem ich bisher gesprochen habe, sieht es genauso und bestätigt mir dies.
Aber was ist das ? Du hörst Märchen von Prinzen und Prinzessinnen. Später in der Schule sind im Schulbuch Mr. und Mrs. Clark da. Und im Fernsehen kommt "Ich heirate eine Familie".
Homosexualität ? Fehlanzeige. Totgeschwiegen.
Dennoch kennst Du das Wort "schwul" mit 14 natürlich. Und Du weisst einiges drüber : Das sind zu Recht Ausgestoßene aus der Gesellschaft. Es ist das schlimmste Schimpfwort, welches Du als Junge bekommen kannst. Es ist eklig und pervers. Es darf nicht sein. Du bist Sünde und Abschaum.
Gegenargumente ? Mr. und Mr. Clark ? Andere Meinungen ? Mit 14 ? Fehlanzeige !
Du erschrickst über Dich selbst. Willst vor Dir davonlaufen. Du tanzt Stehblues auf der Party mit dem Mädchen, welches Dich anhimmelt. Wie die anderen Jungs auch. Du hoffst, dass niemand etwas bemerkt. Du willst irgendwann sterben. Tot sein. Bloß nicht so einer.
Wenn das die Eltern erfahren. Womöglich noch die anderen im Fußball. In der Klasse. Die nackte Angst nimmt Dich nun als Geisel und läßt Dich nicht mehr los. Du willst das wieder schnell losbekommen. Es soll wieder verschwinden, weggehen. Ansonsten lieber sterben.
Du pfeiffst mit den anderen Jungs Mädchen hinterher, philosopierst über Titten und schaust heimlich Hetenpronos mit den anderen Jungs. Du redest dabei wie die anderen von pussys und Titten - Deine Augen sind aber wo anders...
Auch Armin verleugnete sich, wie er mir gestand. Jedoch nicht nur vor den anderen, auch vor sich selbst. Er wusste schon längst vor mir, dass er schwul war und was dies für ihn bedeutete. Unser Streit fand seinen Höhepunkt, als wir im Schulbus saßen. Eigentlich wollten wir uns (soweit ich mich erinnere) wieder vertragen. Als ich vor ihm an meiner Haltestelle ausstieg drehte ich mich um und dann kam mein großer Blackout : Ich warf ihm - vor den Augen aller anderere Schüler - einen Handkuss zu.
Dies war der Startschuß für meinen Spießrutenlauf, welchen er kräftig mit anzettelte um sich selbst aus der Schußbahn zu bringen.
An diesem Abend in Ludwigsburg entschuldigte er sich dafür. Er war damals unsterblich in mich verliebt. Wir lagen damals beide oft wach im Bett und dachten an den anderen. Damals, mit 13.
Ja, er war selbst schwul und startete feste mobbing Aktionen gegen mich wegen diesem Handkuß. "Was nicht sein sollte, durfte auch nicht sein." sagte er in diesem Straßencafé zu mir, während der Geist der 80er über uns schwebte. Er liebte mich und verbot es sich selbst - und mir. Er verleugnete sich noch lange, bis er nach Amerika ging um dort seine Homosexualität offen auszuleben. Er hatte seinen ersten Kuss mit einem Mann. Ich erst 2007. Und in diesem kurzen Moment kam dieses komische Gefühl zurück. Im Bauch. Und in meinem Herzen.
Heute lebt Armin mit seinem Partner, einem Psychologen, in Berlin.
All die Jahre hatte er ein schlechtes Gewissen. An diesem Abend, 27 Jahre später, entschuldigte er sich für seine Feigheit und rechnete schonungslos mit sich selbst ab.
Seine Frage, wie meine Jugend weiterlief, ließ ich unbeantwortet. Ich spreche nicht darüber und nur wenige wissen es.
Seither weiß ich, was uns wirklich verband. ich bin ein überzeugter Anhänger der These, dass Homosexualität genetisch bedingt sei. Es blebt keine der anderen Möglichkeiten. Zu früh bemerken wir das bereits als kleine Kinder schon. Zu unterschiedlich sind die Umwelteinflüsse, die Kulturen und die Systeme der Einzelnen. Homosexualität ist so alt wie die Menschheit. Und epidemiologisch immer gleich. Sogar im Tierreich. Queer durch alle Völker, Kulturen und Zeiten. Wenn es nicht Gene sind - was dann ?
Und wir haben schon als Kinder eine mentale Verbindung zueinander.
Also Marvin vor zwei Jahren tot aufgefunden wurde, konnte es sich niemand erklären. Weder die Eltern, noch die Freunde, noch sonstwer. Kein Abschiedsbrief.
Ein beliebter Junge, vor allem bei den Mädchen. Viele Freunde, immer und überall dabei und gerne gesehen. Als der 15-jährige in meiner Praxis gegenüber von mir saß und mir von seinen Prüfunsgängsten erzählte, spürte ich wieder, dass uns irgendetwas gemeinsames verband. Und ich spürte, dass er es auch spürte. Seine Prüfung meisterte er mit links. Seine Zukunft und sein Leben hatte er im Griff, das ganze Leben noch vor sich.
Niemand hatte die leiseste Ahnung, warum er sich tötete. Ich jedoch hatte eine Ahnung...
Armin und ich verabschiedeten uns am Bahnhof in Ludwigsburg. Ein Gewitter zog auf.
Wir planten, von nun ab uns öfter zu sehen und in Kontakt zu bleiben. Und als er lächelte, blitzte in seinen Augen der Junge den ich kannte und dessen gesicht ich all die Jahre nicht vergessen konnte. Nun hätte ich ihn auch wiedererkannt.
Warum hatte Armin den weiten Weg von Berlin nach Ludwigsburg für diese 3 Stunden mit mir auf sich genommen ? Weil ihn sein Gewissen all die Jahre geplagt hat und er es nun durch diese Entschuldigung bereinigt hatte ? Weil er wissen wollte was aus mir geworden ist ?
Ich werde es vielleicht nie erfahren. Auf meine seitherigen mails hat er bisher leider nicht mehr geantwortet.