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#1466898 ·published 2009-06-19 22:34 UTC
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Textdaten
Autor:  Edgar Allan Poe
  Titel:  Die Schläferin
  aus:  Ausgewählte Gedichte
  Auflage:  1. Auflage
  Erscheinungsdatum:  1891
  Verlag:  Verlag des Bibliographischen Bureaus
  Erscheinungsort:  Berlin
  Übersetzer:  Hedwig Lachmann (1865-1918)
  Quelle:  Scans auf commons
 S. 36–38
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[36] Die Schläferin.
 
 Ich steh’ um Mitternacht allein
 Im mystisch weißen Mondenschein.
 Dem vollen, goldenen Gestirne
 Entströmen feuchte Nebeldünste
5
 Und fallen auf die blauen Firne
 
Wie silberweiße Lichtgespinnste,
 Um sich von dort melodisch leise,
 Und schläfrig langsam, tropfenweise,
 Wie bunte, schimmernde Juwelen
10
 In das entschlafne Thal zu stehlen.
 
Vom Grabe winkt der Rosmarin
 Zu den verschlafnen Lilien hin;
 Die wankenden Ruinen raffen
 Erschauernd um die morschen Glieder
15
 Ihr Nebelkleid und sinken nieder,
 
In alle Ewigkeit zu schlafen;
 Der See dort – Lethe ist nicht stummer
 Als er in seinem tiefen Schlummer.
 [37] Es ruht das All. Die Zweige nicken
20
 Süß eingewiegt – wo aber liegt
 
Irene mit ihren Geschicken?
 
 O wundersame, bleichwangige Dame,
 Wie unbedacht, dies Fenster bei Nacht
 So offen den Gästen, die von den Aesten
25
 Mutwillig hüpfen, in’s Zimmer schlüpfen,
 
Den Winden, den losen, fürwitzigen Rangen,
 Die in den Gardinen sich lachend verfangen,
 Und sie so unbändig und so beständig
 Zerren und zausen dicht über den langen
30
 Seidenen Wimpern auf deinen Wangen,
 
Daß über den Boden weg durch das Fenster
 Die Schatten fallen wie schwarze Gespenster.
 O wundersame, bleichwangige Dame,
 Wo kommst du her? Wohl gar übers Meer?
35
 Und sag’ mir, warum nur bist du so stumm?
 
Ist dir wohl bang? Du bist so eigen,
 Dein Haar ist so lang, so seltsam dein Schweigen!
 Die Dame schläft. O wär’ so mild
 Ihr Schlummer, als er lange währt!
40
 Der Himmel sei ihr heilger Schild.
 
Mag sie auf ewig ungestört,
 In einem heiligeren Bette,
 An melancholischerer Stätte,
 [38] Wo sich Cypressen leise wiegen,
45
 Mit festgeschlossnen Augen liegen!
 

 Es schläft mein Lieb. O, daß so mild
 Ihr Schlummer, als er ewig ist!
 Daß sich ihr eine Gruft erschließt
 In einem Walde dicht und wild,
50
 Ein tiefes, ruhevolles Grab
 
An einem stillen Ort, fernab –
 So eine festverschloss’ne Gruft,
 Aus der sie fürder nichts mehr ruft,
 Die Reue nicht, die Buße nicht,
55
 Bis an das ewige Gericht. –
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