Internet
Die Netzanbeter
Innerhalb von zehn Jahren haben sich anderthalb Milliarden Menschen auf der Welt von einer Großtechnologie abhängig gemacht, die das Wesen der Kommunikation verändert wie wenige Erfindungen zuvor. Einer Großtechnologie, die wir zwar alle mehr oder weniger mühelos für die unterschiedlichsten Zwecke einsetzen können - die wir aber nicht verstehen. Denn wer könnte ernsthaft das Rechenverfahren erklären, mit dem die Suchmaschine Google ihre Antwortvorschläge sortiert? Wer weiß wirklich, wie das neue Internet zum Mitmachen, das sogenannte Web 2.0, unterhalb seiner einladenden Oberfläche programmiert sein muss, damit Millionen von Nutzern es so leicht bedienen können?
Auch die genaue Funktionsweise eines Atomreaktors verstehen vermutlich die wenigsten von uns, aber mit einem Atomreaktor haben wir auch nicht täglich und direkt zu tun, bei der Arbeit, in der Freizeit, zu Hause und künftig, wenn die neuen Internettelefone und Online-Autos sich ausbreiten, auch unterwegs. Ein großer Teil unseres Alltags, unserer Kommunikation mit anderen Menschen und der Art und Weise, wie wir uns informieren, liegt damit in der Hand von Experten, deren Überlegungen wir kaum nachvollziehen können.
Phantastische Freiheitsversprechen
Seine Anhänger sehen das Netz als gesellschaftsverändernde Kraft. In der vollendeten Netzgesellschaft, von der sie träumen, sind alle gleich, gut, hilfsbereit und zugewandt. Von einer „himmlischen Stadt” schwärmt ein Netzprophet, und zahllosen Aufsätzen und Interviews merkt man die Ungeduld und die Vorfreude auf die neuen himmlischen Zustände an. Die Rhetorik erinnert an den Neoliberalismus mit all seinen phantastischen Freiheitsversprechen - und gnadenlosen Flexibilisierungsforderungen -, mehr noch aber an den Siebziger-Jahre-Marxismus und all die Gewissheiten seiner Anhänger.
Typisch für den Diskurs über das Internet ist, dass seine Protagonisten ohne jeden Zweifel von ihrer Sache überzeugt sind. Skeptiker hingegen sichern sich nach allen Seiten ab und verweisen mit großem Aufwand darauf, was an der neuen Technik selbstverständlich ganz ausgezeichnet ist, bevor sie zaghafte Kritik anbringen. Das liegt daran, dass die digitale Entwicklung als Inbegriff des wünschenswerten Fortschritts wahrgenommen wird. Wer zweifelt, steht gegen den Fortschritt an sich. Die Beschwichtigungsgesten der Skeptiker nützen gar nichts. Echte Überzeugte reagieren auf jede abweichende Meinung sehr empfindlich: Wer nicht uneingeschränkt für das Netz ist, ist gegen es.
Ein hübsches Beispiel für diese Haltung liefern die beiden amerikanischen Unternehmensberater Don Tapscott und Anthony D. Williams in ihrem Buch: „Wikinomics. How mass collaboration changes everything” (Wikinomics. Wie die Massen-Zusammenarbeit alles verändert). Diese beiden Digitalisten trauen dem Netz wirklich alles zu, unter anderem den weltweit solidarisch organisierten Kampf gegen die Klimakatastrophe. Wenn das Netz aber das Klima retten kann, darf man nicht dagegen sein. Natürlich werde neuen Paradigmen immer misstrauisch begegnet, schreiben Tapscott und Williams: mit Kühle oder, schlimmer noch, mit Spott oder Feindseligkeit. Es ist ein Merkmal des Ideologen, dass er schon „Kühle” gegenüber seinem Glauben für unzulässig hält.
Ein Kennzeichen der Netzbewegung ist ihr hermetisches Vokabular: Wer weiß, was Wikis und Blogs sind, Cookies, Tools, Open Source Software und soziale Netzwerke, der kann seine Zugehörigkeit zur Fortschrittspartei nachweisen. Natürlich muss man alle diese neuen Funktionen irgendwie nennen, aber die Begeisterung, mit der dieser Jargon benutzt wird, als ob jeder ihn verstehen müsste, dient vor allem der Abgrenzung zu Uneingeweihten.
Dass die Uneingeweihten meistens etwas älter sind als die vielbeschworenen „digital natives”, die „Eingeborenen des Netzes”, die mit der digitalen Technik bereits aufgewachsen sind, liegt auf der Hand. In vielen Artikeln, PR-Veröffentlichungen über die gesellschaftlichen Wohltaten von Software-Unternehmen und in Interviews mit Medienpädagogen wird zusätzlich versucht, einen Generationenbruch herbeizureden: Eltern und vor allem Lehrer bräuchten in den neuen Technologien „Nachhilfe” von ihren Kindern.
„Zu alt”, um zu verstehen?
Das Ausmaß der rhetorischen Ranschmeiße an die Netzkinder ist mitunter erschütternd - besonders, wenn man sich noch gut an die letzte Diskussionsrunde mit fünfzehnjährigen Schülern erinnert oder sich gelegentlich mit Marktforschung über ihre Interessen befasst hat. Aber wem die Jugend gehört, dem gehört die Zukunft: Das wussten schon andere Großideologien sehr genau. Und im modernen Kapitalismus, mit seinem Jugendkult in Konsum- und Arbeitswelt, gibt es kaum einen tödlicheren Vorwurf als den, jemand sei zu alt, um eine Entwicklung zu verstehen. Wobei in diesem Fall jede Form von Skepsis schon bedeutet, „zu alt” zu sein.
Anders als beim Marxismus, anders auch als bei den immerhin noch einigermaßen anhand ihrer Interessen identifizierbaren Verfechtern des Neoliberalismus ist es bei den Propheten der Netzwelt fast unmöglich, sie als Gruppe zu beschreiben. Alle Arten von Fortschrittsfreunden sind dabei: der Online-Wahlkämpfer Barack Obama und die gute alte SPD; Angela Merkel mit ihren podcasts und die PR-Leute von Microsoft; Kultusbürokraten und Bundestagabgeordnete, Vertreter von Stiftungen, Professoren, Journalisten, Analysten, Unternehmer - alle, die hoffen, entweder Geld zu machen oder ihre Gegner alt aussehen zu lassen, oder die tatsächlich glauben, mit der Online-Verbreitung von Klimaschutztipps die Welt retten zu können. Und natürlich viele Menschen, die schlicht Freude an neuem technischem Spielzeug haben.
Männer bestimmen die Netzdebatte
Gemeinsam ist vielen von ihnen der Zweckoptimismus: Mit Bezug auf das Internet nehmen sie grundsätzlich das Beste an. Wenn man das Netz für hochqualifizierte Recherche und wissenschaftliche Zusammenarbeit nutzen kann oder für Online-Exhibitionismus und Sinnloskommunikation, dann reden sie darüber, als hätten alle Nutzer nur Recherche und wissenschaftliches Arbeiten im Sinn. Wenn das Netz eine globale Bürgerbewegung sein kann oder der fürchterlichste kommerzielle Sumpf, dann sehen sie überall nur Emanzipierungsbestrebungen und nirgends hochwirksame Abrichtung von Konsumenten.
Das Internet kann am besten nutzen, wer dafür die besten Voraussetzungen hat: Lesekompetenz, Urteils- und Konzentrationsvermögen. All das lernt man womöglich gar nicht so gut am Computer. Die Netzapologeten tun aber so, als seien diese wertvollen Fähigkeiten in der Technik selbst aufgehoben. Dabei hätten viele Nutzer es bitter nötig, erst einmal draußen im wirklichen Leben das zu lernen, was ihnen das Netz dienstbar machen könnte.
Es gibt Ausnahmen, aber der Großteil der Netzdebatte wird von Männern bestimmt, und das korrespondiert mit der im Augenblick noch deutlich stärkeren Computernutzung durch Jungen und Männer. Es ist gut möglich, dass ein gewisser Fanatismus, eine Kompromisslosigkeit im Diskurs durch diese Geschlechterpolarisierung verursacht wird: Auch in der Studentenbewegung, auch bei den Siebziger-Jahre-Dogmatikern waren Männer die Wortführer und Chefideologen. Frauen scheinen, wenn sie nicht gerade einem Guru des einen oder anderen Anliegens verfallen sind, zu etwas moderateren Ansichten zu neigen.
Netzskeptiker in der Defensive
Die Netzkultur begünstigt ein Klima der Jederzeitigkeit. Alles und jeder muss 24 Stunden am Tag verfügbar sein, wir ertragen draußen im Leben keine Pause bei den Ladenöffnungszeiten und drinnen im Netz keine Nachtruhe. Auf die Dualität von E-Mail-Kommunikation hat das durchaus Auswirkungen zu haben: Die erregtesten, radikalsten Leserbriefe, die pampigsten Zuschriften an Abgeordnete sind jeweils spät nachts abgeschickt. Vielleicht wird in den frühen Morgenstunden das Versprechen fadenscheinig, online nie mehr allein sein zu müssen - und die einsamen Schreiber beschleicht der bittere Verdacht, dass eben doch keine echten Menschen für sie da sind.
Es ist vollkommen klar, dass ein „Ausstieg” aus den neuen Technologien nur auf vollkommen individueller Basis möglich ist und den Einzelnen dann in der Tat vom größeren Gespräch der Gesellschaft ausschließt. Deshalb ist ein solcher Ausstieg auch keine sinnvolle Strategie. Aber wir sollten dafür kämpfen, Technik benutzen zu dürfen, ohne sie anbeten zu müssen. Jeder intelligente Erwachsene weiß selbst, wie viel Zeit er hat, wie viel Zeit seine Kinder haben: Auch gegen den technikfreundlichen Mainstream kann man echte zwischenmenschliche Erlebnisse, echtes politisches Engagement, Bücher und wirkliches Lernen ins Zentrum des eigenen Lebens stellen. In der Bildungspolitik geht es um knappe Ressourcen: Geld, Zeit und Aufmerksamkeit. Im Augenblick finden sich die Bücherfreunde und Netzskeptiker in der Defensive, aber natürlich lässt sich das durch Diskussion auch wieder ändern.
Es gibt wenig Gefährlicheres als ideologische Heilsversprechen, dafür hält gerade die Geschichte der Moderne schreckliche Beispiele bereit. Deshalb sollten wir uns den neuen Medien mit einem skeptischen Realismus nähern: Sie können viel, und Menschen können damit viel anrichten, zum Guten und zum Schlechten. Wir werden das besser erkennen, wenn unsere Sicht nicht durch Weihrauch vernebelt ist.
Von der Verfasserin ist erschienen: Klick. Strategien gegen die digitale Verdummung. Herder 2009
F.A.S.
Susanne Gaschke